Sakuma erzählt

Sakuma schrieb 1997 einen Artikel für 'Sound Practices' der auf einer früheren Veröffentlichung von 1989 in 'MJ' basierte, Japans bedeutendstem Audio-Magazin.

Mit diesem Beitrag wollte Sakuma auch solchen Lesern seine Philosophie und Poesie nahe bringen, die keine Abonnenten von 'MJ' sind.

Joe Roberts, der Herausgeber von 'Sound Practices' leistete eine hervorragende Arbeit indem er all dies schön darlegte. Das einzige, was man vielleicht noch vermissen könnte, ist eigentlich nur noch der besondere Klang eines Sakuma Verstärkers.

Gegenüber dem Artikel in 'SP' sind auf dieser WebSite einige Änderungen vorgenommen worden.

 

Meine alten Freunde, der VT25/801A Gegentaktvorverstärker und der Se PX4/PX4 Endverstärker sangen 'Manha de Carnaval' von 'Black Orpheus' im Chor mit einem Lowther PM6.

Unter dem nebligen Frühlingshimmel im Dämmerlicht meines Restaurants Concorde, stehe ich an die Ziegelsteinwand gelehnt. Eine kühlende Brise streicht durch das Fenster über meine Augen.

Ich sehe eine Szene vor mir - diesen Sommertag, als ich den Verstärker baute - den einkanaligen 845/845 Gegentaktendverstärker...

... Meine zwei Freunde arbeiten in der Auffahrt außerhalb des Eingangs des Concorde und stanzten Löcher in ein Aluminiumchassis. Sie sollten noch vor der Mittagszeit fertig sein, weil es an einem Sommernachmittag sehr warm wird und der Eingang frei sein muss, wenn Gäste zu Mittagessen kommen.

Eine hölzerne Planke auf zwei Bierkisten bildet meine Werkbank für den Chassisaufbau. Ein Freund machte die Löcher, der andere feilte sie glatt - nass vor Schweiß. Ich brachte ihnen kalten japanischen Tee hinaus.

Ein paar schlichte Werkzeuge und die Werkstatt unter blauem Himmel - einfachste Schaltungen und traditionelle Bauelemente mit Transformatoren und Trioden - ich habe meine vielen Verstärker schon immer so gebaut.

Können die Ingenieure in ihren Reinräumen mit Computerhilfe überhaupt Verstärker bauen, die uns von der Passion der Musiker erzählen und die uns die Werke der Komponisten wirklich nahe bringen?

Mein Designkonzept

Die folgenden Schaltpläne zeigen Ihnen exemplarisch mein Endverstärkerdesign-Konzept.
Ich benutze die gleichen Röhren in der Treiber- und in der Endstufe.

Ich baute PX4/PX4 SE Endverstärker sowie RCA50/RCA50 SE Endverstärker nach diesem Muster. Sie klingen gut und kräftig.

Durch intensives Hören fand ich heraus, dass der Ton der Treiberstufe den wesentlichen Teil der Stimmung eines Amps ausmacht.

Eine exzellente Power-Tube verlangt nach einer Treiberröhre ähnlicher Klasse.
Nur die wenigsten Treiberröhren singen in schöner Harmonie im Chor mit einer Leistungsröhre.

Ein Beispiel: Bevor ich meine 300B/300B Gegentakter gebaut hatte, war ich vom Klang der 300B-Röhre nicht so angetan. Erst dieser 'nur 300B Amp' offenbarte mir den wahren 'Western-Electric-Sound'

Sakuma 845/845 PP Endverstärker

Ein paar Worte über 'das Ungewöhnliche'

Bestimmte unkonventionelle Aspekte meiner Schaltungen stellen vielleicht unauflösliche Widersprüche dar, und könnten Zweifel aufwerfen.

Sie könnten sich z.B. denken: mein Lautstärke- regler ist ja gar kein Lautstärkeregler sondern eher eine Tonwaage, weil er auch auf meinen absichtlich falsch angepassten Eingangs- transformator einwirkt.

Wer aber hat noch solche Zweifel unter denjenigen, die sich meine Audiokonzerte in Japan und in Europa angehört haben?

Mir ist klar, dass die Zweifel von geltender Theorie untermauert werden. Ich weiß dies so genau, weil ich diese Denkblockaden selbst erst einmal durchbrechen musste. Jetzt erkläre ich, dass mir die Theorie in den Elektronikbüchern lange Zeit meine Lieblingsmusik aus meinem Leben ferngehalten hatte.

Ich denke ein Verstärkerkonstrukteur sollte sich nur mit sich selbst und seinem Verstärker auseinandersetzten, bevor er auf Fachbücher und Kapazitäten hört.

So gelang es mir erst nach unzähligen Versuchen, meinen eigenen Audio-Standpunkt zu bestimmen.

Ein Buch mit Röhrentabellen liest sich etwa so spannend, wie ein Telefonbuch. Eine Menge Nummern. Sehr sinnvoll, wenn es z.B. darum geht, mit einem Mädchen zu flirten und ein Treffen zu verabreden. Ihr schönes Gesicht wird man aber der Telefonnummer nicht ansehen.

Ich probiere einfach die Einstellung 7K aus, um an den besten Klang einer Röhre heranzukommen - auch wenn es laut Datenbuch 5K sein sollen. Und dann teste ich noch diese 'Fehlanpassung' mit Eingangstransformatoren und andern Teilen.

Sobald ich meinen besten Arbeitspunkt für eine Röhre gefunden habe, ist das für mich etwa so, als würde mir das schöne Mädchen an Telefon endlich seine Adresse preisgeben.'

Vor einigen Tagen, spritzte mein Freund, ein erfahrener Handwerker, ein Chassis im dunkelbrauner Farbe. Ich bat Kuniko, meine Frau, das Chassis mit einem weichen Tuch zu bedecken, damit der frische Lack nicht beschädigt wird.

Am liebsten möchte ich jetzt die Teile schnell zusammenbauen, aber ich spüre, dieses große Chassis, 65cm breit und 35cm tief, zieht ganz schön viel Energie aus meinem Körper und meinem Herzen.

Fünf Tage lang hatte ich nur gearbeitet und Musik gehört und dabei das Chassis betrachtet, wie es auf einem runden Tisch ruht.
Ich  lagere das Chassis wie einen guten Wein, das ist eines der essentiellen Elemente meiner Kunst.

Meine Gäste sitzen an diesem Tisch, sie essen und trinken, nehmen jedoch kaum Notiz von diesem Riesenverstärker, der direkt vor ihrer Nase auf dem Tisch liegt. Mir macht das überhaupt nichts aus, denn auch die offene Kritik meiner Gäste hat mir geholfen, meinen Klang zu finden. Es scheint mir übrigens leichter zu sein, mir fünf Sterne für meine Küche zu verdienen, als auch nur einen Stern für Audio.

Es gibt meines Erachtens zwei Schlüsselmomente, wenn man Verstärker und Audio-Systeme baut:

Erstens sollte man Familie und Freundschaften wertschätzen, zweitens geht es darum, das Zusammenspiel zwischen Mensch und Maschine in Einklang zu bringen.

Nach vielen Stunden gemeinsamen Musikhörens, scheint das Chassis zu spüren, wer ich bin.

Es macht eine Metamorphose durch - wird von einem Blechkasten zu einer Basis für meinen Verstärker. Ab diesem Moment kann ich mir vorstellen, wie der perfekte Verstärker wird.

Dieser Moment ist das Ende meiner Designplanung und das Ende meines Ich von gestern. Jetzt muss ich einfach nur noch ich selbst sein. Es ist einfach, nach einem Fachbuch oder einem Elektronik-Magazin zu bauen, aber auf diese Weise kann ein Verstärker niemals besser werden.

Wenn ich einen Verstärker baue, höre ich auf die Musik und nichts anderes, um so herauszufinden, was ich entsprechend meiner Vorstellungswelt brauche. Nachdem ich dieses gefunden habe, ist der Verstärkerbau sehr einfach für mich. Ich brauche nur noch einen Schraubenzieher und montiere alle Transformatoren und andere Teile in ungefähr einer Stunde zusammen.

Über meine Anlage:

Mein System ist rein monophonisch. Für die Wiedergabe von Schallplatten, benutze ich einen Garard-401 Drehteller und einen Denon DL-102 Mono-Abtaster, der an einem ölgedämpften Tonarm montiert ist. Das besondere an dem Abtaster ist, dass man damit ein Monosignal von einer Stereo LP ableiten kann, ohne moderne Stereo-LPs damit zu beschädigen. In Mittelwellen-Rundfunksendern wird der Tonabnehmer für diese Zwecke eingesetzt.

Um von einer CD oder von einem DAT ein Monosignal abzuleiten, habe ich mir aus einigen Trafos, Kondensatoren und Widerständen einen Konverter gebaut.

Ich wählte meinen VT 25/801A Gegentaktvorverstärker, als passendes Frontend für den neuen 845er. Die 801A hat einen einmalig schönen Klang der Höhen, von dem ich glaube, dass er sich perfekt mit dem reichhaltigen kräftigen Mitteltonbereich des 845 kombinieren lässt.

Zuerst hörte ich mir das Duck Jordan Stück 'A night in Tunesia' und 'Summertime' an. Mir verschlug es die Sprache. Der Klang erschien mir plötzlich so frei, als ob das Audiosystem gänzlich verschwunden wäre. Dieser Verstärker riss eine Mauer nieder, die zwischen mir und den Jazzmusikern gestanden hatte. In dem Trommelsolo von Art Blaky in 'A night in Tunesia' und in Jordans Klavierspiel in 'Summertime' wurde mir plötzlich die Lebensphilosophie der Spieler offenbar.

Der SE-Übertrager spielt einen tiefen und knackigen Bass. Die 845 zeigt ihre Stärke. Das wichtigste Ziel war mir aber nicht der energische Ton, sondern der schöne Klangkörper. Mein wichtigstes Mittel mit dem ich dies alles erreicht habe, waren die Audiotransformatoren. Warum das so ist - eine wissenschaftliche Erklärung dafür, kann ich Ihnen jedenfalls nicht liefern.

Eine 845, die einen AÜ aus amorphen Kernmaterial ansteuert, hat das Potential, den Klang zu nuancieren. Ein Hauch der Vergangenheit weht mich durch den Klang einer 845 an.

Um ein Beispiel aus der Malerei zu nehmen: Das Spiel Rembrandts mit Licht und Schatten ist einfach phantastisch. Die meisten seiner Gestalten auf der Leinwand befinden sich im Dunkel. Helle Figuren malt er nur selten. Unsere Augen wandern zwar reflexhaft erst zu den leuchtenden Stellen - um seine Bilderwelten zu erschließen, muss man sich aber mehr mit den dunklen Bereichen seiner Gemälde aus einander setzten.

Dunkelheit entspricht musikalisch der Stille. Diese Stille enthält dennoch Feinheiten, die wir hören müssen. Dunkelheit spricht unsere Vorstellungskraft am meisten an.

Verstärker-Konstrukteure scheinen zu glauben, dass ein klarer und akkurater Ton das Wesen der Musik ausdrücken kann. Ich bevorzuge einen nicht analytischen Ton bei der Musikwiedergabe. Ich strebe damit ein Spiel von Licht und Schatten wie bei einem Rembrandt an um glückliche und traurige Erinnerungen zu wecken.

Ausklang

Mein Audio-Lebenswerk soll der gefühlte Schattenwurf der Töne sein. Mein Geheimnis steckt in den Induktivitäten. Ich zeichne die Kontraste mit Transformatoren und Elektronenröhren. So werden die Sakuma-Röhrenverstärker zu meinem Portrait.

Nun komme ich wieder aus meiner Gedankenwelt zu mir zurück, weil mir mein Lowther sagt, dass die Platte nunmehr zu Ende ist. Ich gehe zum Plattenspieler und hebe den Tonarm vorsichtig ab.

Als ich die LP zum Plattenregal zurückbringe, sehe ich dort ein kleines Büchlein stehen. Diese Edition mit dem Titel 'Opium' von Jean Cocteau, hat mich und mein Audio-Lebenswerk sehr stark beeinflusst.

Ich lese nach:

"When I record my poets, I dislike the notion of taking a picture of a voice. I notice there is a problem. If this problem can be solved, the recordings will turn from being the camera for our ears to become a new tool for our hearing. Then this new tool promises us new surprise future.

The machine's hard voice is not same as my voice and is the result of the co-operation with human and machine.

Don't admire machine. Don't regard machine as tool which we can control easily. And create with machine."

Dann klappe ich das Buch zu...

...es ist Abend geworden.