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9. August 2009:  Prosa und Musik im Künstlerhaus Edenkoben

Endlich ist die kurze Sommerpause im Künstlerhaus Edenkoben wieder vorbei - wir gehen so gerne hin und vermissen es richtig, wenn es zu hat!

Jan Koneffke las heute ein paar Seiten aus seinem Roman, in dem es um die Geschichte der Familie Kanngießer geht. Er zeichnete mit ihren Figuren, Gedanken und Erleb-nissen das Bild einer längst unter- gegangenen Welt. Das macht er so sympathisch und nahegehend, dass man am liebsten das ganze Buch gleich bis zum Ende gelesen hätte.

Ich denke, es ist eine Empfehlung als entspannende Urlaubslektüre wert. Zur erbaulichen Atmosphäre in Edenkoben trug im Übrigen das klassische Musikprogramm mit Werken von Bach, Chopin, Debussy, Brahms, Schumann und Schostakowitsch bei - am Flügel gespielt von Ulrich Koneffke. Recht anspruchsvoll und ganz wunderbar war das alles!


Mit der Künstlerin Nanaé Suzuki, die erst seit einer Woche als neue Stipendiatin im Künstlerhaus residiert, wollten wir uns auch noch kurz bekannt machen.

Sie ist bildende Künstlerin, Performerin und Fotografin. Ich nehme an, sie war noch gar nicht auf Besuch vorbereitet, als ich zaghaft an ihre Ateliertür klopfte. Ihre Ausstellung wird sie ja erst viel später haben, nachdem sie sich in Edenkoben eingelebt hat. Zu unserem Gespräch drängten sich schnell noch andere neugierige Besucher hinzu, so dass das Ganze - unbeabsichtigter Weise - schon eine Art kleiner Überfall wurde. Wir bitten um Verzeihung und  bedanken uns herzlich. Sumimasen. Domo arigato gozaimasu !

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Meine Frau und ich freuen uns sehr darauf, die Arbeiten von Nanaé Suzuki in ihrer Atelier-Ausstellung im November zu sehen! Frau Suzuki zeigte uns zauberhafte Fotografien, die sie aus Berlin mitgebracht hatte. Bilder von Blüten, die man wie prächtig gekleidete Phantasiefiguren in einem Ballet sehen könnte. Das verrät ihren ganz besonderen Blick auf die Natur, den sie dem Betrachter mit ihrer Kunst vermittelt - äußerst subtil und eindruckvoll!

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Sie zeigte uns auch noch wunderbare Blumenstillleben mit Darstellungen von Kapuzinerkresse. Diese Bilder sind vielschichtig mit Wasserfarben immer wieder übermalt und bilden damit die Stadien der Wachstumsprozesse dieser sehr schnell wachsenden Pflanze ab.


8. August 2009:  Warum wir heute nach Baden-Baden gefahren sind und nicht nach Straßburg:

Photo Credit: Earle Martin, Quelle: wikipedia.org

Ich wollte mir einen Panamahut kaufen und wie man mir sagte, gibt es in Baden-Baden die größte Auswahl derselben im Lande. Überhaupt findet man in Baden Baden noch viele Anzeichen von Stil, Noblesse, Luxus und Schönheit. Einen passenden Hut fand ich zwar noch nicht, Südfrankreich soll aber auch noch eine gute Möglichkeit sein.

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Außerdem: Die schöneren Cafés gibt es eindeutig in Baden-Baden. Diesmal hatten wir uns sogar ein ganz besonderes Ziel ausgedacht, nämlich das 'Rehberger-Cafe' in der Kunsthalle. Es ist, wie Tobias Rehberger selbst sagt, die Franchised-Version des legendären Biennale-Cafes von Venedig, für dessen Gestaltung er 2009 den Goldenen Löwen einheimste.

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Unter dem Eindruck seines Mottos: "Was du liebst, bringt dich auch zum Weinen" genossen wir unsere Capuccini und Kuchen umso mehr...


6. August 2009: (Notiz überarbeitet am 7. August)

Unter dem Motto „Viel sehen – nichts zahlen" lädt das ZKM bei freien Eintritt den ganzen August über in alle laufenden Ausstellungen ein. Und diese Ausstellungen sind wieder einmal sehr sehenswert! Das gute daran: Man kann sich mehr Zeit nehmen, weil man ja nicht alles auf einmal bei einem Durchgang 'mitnehmen' muss.

Installation aus der Werkgruppe 'RECORD > AGAIN'  ÷ Bild groß ÷


So habe ich mich heute eine gute Stunde mit der Installation 'LoveLetters_1.0. MUC=Resurrection. A Memorial' von David Link befasst.

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Ich wollte die einmalige Gelegenheit nutzen, meiner Frau einen algorithmisch generierten Liebesbrief zu widmen, wie er tatsächlich Anno 1953 aus einem Teletype-Fernschreiber des Manchester University Computers hätte rattern können.

David Link macht es heute möglich, indem er diesen ganz frühen Computer Typ Ferranti Mk I künstlerisch nachbildet und darauf den Source Code von Christopher Strachey's 'love letters' Programm von 1952 ablaufen lässt. Im Prinzip darf jeder Ausstellungsbesucher diese Maschine bedienen.

Wenn alles klappt wie vorgesehen, wird der jeweils aktuell generierte Love-Letter mit der Signatur des Operators auf eine Großleinwand im öffentlichen Raum projiziert.

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Die Gedichte werden nacheinander auf dem alpha60 Webserver archiviert und es steht auch noch ein Vintage Fernschreiber Marke Creed (Baujahr 1931) zum Ausdrucken bereit.

ext link icon alpha60.de/loveletters/archive/09-08-06_12-27-johannes.html

Eine Projektbeschreibung des Autors finden Sie hier:

ext link icon alpha60.de/research/muc/ll01/

Auf den Seiten von David fand ich auch noch einen JAVA-basierten PC-Simulator der Bedienkonsole, der allerdings auf meinen heimischen Computern nicht richtig funktioniert. Die Installation im ZKM ist aber sowieso viel schöner, mit ihrem magisch grünen Flackerlicht und den rot glühenden Heizdrähten der frei aufgehängten Kathodenstrahlröhren im abgedunkelten Raum.

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Ähnlich den ersten Elektronenrechnern, hatte auch die Apparatur im ZKM noch ihre kleinen Tücken. Die Umsetzung des Baudot-Code, mit dem man seinen Namen eingeben muss, stimmte nicht ganz mit der vorgegebenen Notierung überein. Ich suchte z.B. vergebens den Buchstaben 'H' für meinen Namen 'Johannes'. Bei dieser Gelegenheit möchte ich mich noch beim Ausstellungsleiter und bei einem Techniker des Hauses bedanken, die mir, auf meine Bitte hin, sehr freundlich ihre Hilfe anboten. Man rief sogar eigens bei dem Medienkünstler an, der wohl per Fernwartung über das Internet die Software debuggen kann.


P.S.: Künstlerische Computeranwendungen haben mich schon ganz früh interessiert, praktisch seit ich Zugang zu den ersten Computern hatte. Das war in den Sechzigerjahren.

Schon auf der Siemens 2002 im Astronomischen Recheninstitut der Uni Heidelberg ließ ich damals als spielerische Fingerübung ein selbstgeschriebenes 'Computergame' ablaufen. Mangels anderer optischer Ausgabemöglichkeiten erzeugte mein Programm rhyth- misch aufblitzende Lichtmuster auf der Operator-Konsole - eine Art 'Lichtertanz' der Kontrolllämpchen. Zu der Zeit arbeitete ich in einer Forschungsgruppe mit, wobei es um die Aufklärung von Kristall- gitterstrukturen mittels Röntgenstrahlung ging. Das wäre ohne solche Rechenmaschinen nicht machbar gewesen.

Grafische Bildschirme hatten damals selbst die Großrechner noch nicht. Texte und Zahlenkolonnen wurden meist über Fernschreiber ausgegeben. Ich hatte nur ein breites Kontrollpult vor mir, in das eine größere Anzahl von Signalleuchten in Form einer Anzeigenmatrix eingelassen war.

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Photo (Ausschnitt): 'Siemens Corporate Archives' - mit freundlicher Genehmigung.

Zitat aus einem Siemens Pressetext: "Das Datenverarbeitungs- system 'Siemens 2002' wurde 1959 in Hannover der Öffentlichkeit vorgestellt. Es war der erste serienmäßig gefertigte volltransistori- sierte Universalrechner der Welt".


P.S. 1: Über eine meine späteren künstlerischen Arbeiten mittels PC hatte ich hier etwas geschrieben: ÷ notizen39.htm#25mai2009 ÷  


5. August 2009: Im Moment tue ich mich schwer, etwas für meinen Blog zu schreiben, da ich gerade vieles lese und diskutiere, was ich erst selbst noch verarbeiten muss. Es geht dabei um moderne Tonkunst etwa seit dem Aufkommen von Fluxus*.

Ich stelle mir Fragen, was computergenerierte Musik und Tonkunst heute sein kann, und konsultiere zum Beispiel auch arrivierte Künstler dazu, indem ich sie zu Privatgesprächen einlade.

Mir geht es aktuell um eine Musik des leisen Klangs, um eine Musik des zu sich selbst kommens. Im Grunde möchte ich auch auf diesem Gebiet - ähnlich wie schon im Bereich Audiotechnik - exemplarische Gegenmodelle darstellen: Alternativen zu Kompositionen von jüngeren 'digital natives', wie ich sie letzthin häufiger hörte und als vergleichsweise unsensibel empfand.

*1962 war Wiesbaden Schauplatz von Fluxus - als Gründungsakt gelten die von dem in Wiesbaden stationierten US-Offizier George Maciunas organisierten "Fluxus Festspiele Neuester Musik"


Buchempfehlung:

Frau Gertrud Meyer-Denkmann hätte ich gern in ihrer aktiven Zeit einmal kennen gelernt. Wie keine Zweite war GMD Wegbegleiterin neuer Entwicklungen in der Musik, die sie in ihrer Autobiografie 'Zeitschnitte' anekdotisch aufarbeitet. Sie traf und arbeitete mit nahezu allen wichtigen Leuten zusammen, die man heute zur Avantgarde zählt: Stockhausen, Cage, Kagel, Nam June Paik, Schnebel u. a.

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Im Buch findet sich auch ein uraltes Foto (1985?) von ihr neben René Bastian, mit dem ich heute freundschaftlich zusammenarbeite. GMD schreibt dazu:

"...Mithilfe von technischen Abfallteilen produzierte er live- elektronische Klänge, die ansonsten als Störfaktoren oder Fehler in den Funktionskreisen gelten. Nun, als willkommene Überraschung werden sie in das Endresultat eines experimentellen Prozesses integriert. Er weicht, wie er sagte, auf ein 'vor-fortschrittliches Stadium aus, also Regression ohne Nostalgie'. Das klingt heute (2005) geradezu vor-revolutionär angesichts ähnlicher Techniken in der Club Culture Generation".


Nachtrag 16. August 2009: Ich kann mir kein besseres Buch vorstellen, um die Szene der neuen Musik in voller Breite Revue passieren zu lassen. GMD zieht ein paar Schlüsse hinsichtlich 'Laptop-Klangkunst' von heute, die ich für sehr treffend halte. Ob man die folgenden Zitate, ohne den Kontext zu kennen, würdigen kann, ist wohl eher fraglich. Wie auch immer - ich halte sie als Vermerk fest:

"...Anstelle der Körpererfahrung der ehemaligen Performance- und Aktionskünstler tritt der Computer und Laptop. Das digitale Bild wird zum Trugbild, einer Simulation zwischen Realem und Virtuellem."

"...Statt Ideen und Konzepte in Musik umzusetzen, wird eine Etablierung digitaler Medien angestrebt, die eine Ästhetik des technologischen Fetischismus verkünden."

"...der Komponist, Producer oder User interagiert lediglich mit dem Computer über die Schnittstelle einer Softwareanwendung."

"...Auffällig sind jüngst in bestimmten Produktionen elektronischer Musik Tendenzen einer Reduktion, die, statt den möglichen Klangreichtum einer elektronischen Komposition auszukosten, sich auf minimalistische Endlosschleifen oder Wiederholungsmuster beschränken. ...Ist man bereits des technischen Fortschritts müde?"


28. Juli 2009: Ein Bild schiebe ich noch nach - zur Sommerloch Ausstellung der HfG - über die ich schon auf der vorhergehenden Seite berichtet hatte. Ähnlich wie beim 'Plattenspieler mit Raketenantrieb' vom letzten Jahr, gibt es bei der phantasievollen Arbeit von Felicitas Wetzel einen entfernt thematischen Bezug zur Vinyl-Schallplatte beziehungsweise zur Musikwiedergabe.

Die Studentin im Fach 'Szenografie' zeigt eindrucksvoll, wie man einen ausgemusterten Küchenherd  künstlerisch zur Musicbox umfunktioniert, mit einem mysteriösen Titel versieht und damit weitere Rätsel aufwirft.

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Zwei Einbaulautsprecher ersetzen die Kochplatten. Hinter der transparenten Ofentür dreht sich im Schein der Backofenbeleuchtung ein ganz normaler Plattenspieler, dessen Teller allerdings mit symbolträchtigen Mini-Objekten beladen ist. Mit dem Einwurf einer Geldmünze bringt man diese Musikbox zum Spielen.

"Szenografen bewegen sich zwischen Performance und Theater, Installation und Film und finden diverseste Nischen und Formen für ihre Überlegungen. Szenografische Arbeiten sind per se ephemer und nur subjektiv durch den Betrachter erfahrbar. Es ist die Freiheit, die hier zur Geltung kommt, Arbeiten zusätzlich in uneindeutiger, noch im Entstehen begriffener und von Erwartungen und Konventionen gelöster Form Gestalt werden zu lassen, welche sonst in Einsamkeit herangezüchtet werden". (Ilja Kabakov, Boris Groys Die Kunst der Installation, S.40)


27. Juli 2009: Hübsche Bürotassen, darauf habe ich schon immer viel Wert gelegt. Es sollten entweder Design-Klassiker sein, mindestens Sondereditionen, oder Sammlerstücke mit Erinnerungs- wert. Zu meinen absoluten Lieblings-Mugs gehört ein Satz großer Tassen, der aus unserem Familienerbe stammt. Sie wurden, soweit ich mich erinnere, in unserem ehemaligen Ferienhaus in Frankreich benutzt. Es dürfte damals ein absolutes Massenprodukt gewesen sein und genau solche Tassen finden sich sicher noch in manchem Nachlass. Wenn ich nur wüsste, wo sie meine Mutter damals erstanden hat, damit ich gezielt danach fahnden könnte. Leider kann ich sie nicht mehr fragen und weiß auch sonst sehr wenig über diese Tassen mit ihrem schicken Siebzigerjahre-Prilblumendekor. Ich würde so gerne welche nachkaufen!

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Die eine oder andere ist nämlich zerbrochen oder wurde geklaut, was auch so ein typisches Merkmal von gefälligen Bürotassen ist.


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