'Geschichten aus der Geschichte' von Winfried Dunkel


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Der Fortschritt ist unaufhaltsam, alles wird besser, die Technik übertrifft sich selbst, ihre neuen Errungenschaften stellen Entwicklungen und Produkte früherer Jahre und Jahrzehnte völlig in den Schatten. Was es heute gibt, gab's noch nie, auf allen technischen Gebieten ist der Mensch des frühen 21. Jahrhunderts allem voraus, kann, weiß und produziert Dinge, welche in vergangenen Zeiten weder denk- noch machbar waren.

Um Mißverständnissen vorzubeugen: Das ist absolut nicht meine Meinung, sondern stellt lediglich den Versuch einer Zusammenfassung dessen dar, was uns permanent eingeredet und vorgegaukelt wird. Gewiß ermöglicht die hochentwickelte Elektronik der Jetztzeit elegante, kompakte und preisgünstige Lösungen vieler Problemstellungen, welche in der Vergangenheit nur mit sehr viel elektrisch/elektronischem wie mechanischem Aufwand zu realisieren waren. Darüber könnte man sich freuen, wenn nicht als Folge von Billigheimer-Mentalität - und dem daraus erwachsenen Streben nach noch mehr Funktionen zu noch weniger Geld - wirkliche Qualitätsprodukte zunehmend rarer würden. Viele Produkte der Unterhaltungselektronik bieten des weiteren mannigfaltigste Features in steigender Zahl; ich stelle die Frage in den Raum, ob das alles wirklich sein muß. Ad exemplum: Wenn ich einen Video-Film anschauen möchte, schiebe ich die Cassette in den Recorder, drücke "Play" - und fertig. Beim DVD-Player darf man sich zu diesem Behufe durch etliche Untermenüs durchkämpfen, und wer vergißt, den Zoomwert wunschgemäß einzustellen, sieht Super-Breitwand mit schwarzen Balken am oberen wie unteren Bildrand; ferner: Szenenauswahl & Co., wer braucht das wirklich? Warum gibt es keinen DVD-Player, mit dem man einfach nur Filme ansehen kann - ohne seitenlange, sprachlich oft genug verunfallte Betriebs- anleitungen studieren zu müssen im wahrsten Sinne des Wortes?

Das Basisproblem der modernen Elektronik scheint mir deren Überfrachtung mit zu vielen, oft genug überflüssigen Funktionen zu sein. Und weil die Elektronik praktisch alles kann, vieles substituiert, hat die Industrie gelernt, auf seiten der Mechanik zu sparen. Dadurch wird es billiger, was ja Kriterium an sich ist - oder? Doch genau an dieser Stelle beginnt der fatale Kreislauf, beginnen jene unabänderlichen Gesetze zu greifen, denen zufolge "Veraltetes" zunächst auf den realen Schrotthaufen, später auf den der Geschichte kommt, sich schließlich Wissen um Produktion und Funktion auf derselben Deponie des Vergessenen findet. Um im Bilde zu bleiben: Noch können wir auf dieser Deponie suchen, jedoch liegt es in der Natur selbiger, zunehmend der Verrottung anheim zu fallen - womit Technologien verschwinden, die dem heutigen, großzahlig fabrizierten Murks weitaus überlegen, nur halt aufwendig und kostspielig, damit nicht mehr zeitgemäß sind.

Wüste, unhaltbare Behauptungen? Mitnichten! Stellen Sie doch mal solch einen billigen elektronischen "Universalkünstler" der von der „singenden Säge“ namens MP3 über CD bis hin zu SACD und DVD alles abspielen kann, neben einen soliden CD-Player aus der High-End- oder Studioproduktion - sehen und hören Sie selbst! Fassen Sie die Geräte an, untersuchen Klangqualität und Haptik ... es ist vieles den Bach runter, nicht wahr? Fortschritt?

Vollends dramatisch und hinsichtlich der Erkenntnistiefe kaum steigerbar zeigt sich solcher Vergleich, stellt man statt des genannten CD-Players einen jener massiv und für die Ewigkeit gebauten Plattenspieler aus den siebziger und achtziger Jahren neben das elektronische Kinderspielzeug; von Studiogeräten - und insonderheit Tonbandmaschinen - will ich hier gar nicht reden... oder doch ganz kurz, aber weiter unten. Hören Sie über eine solche Konstellation bitte einmal vergleichend Musik, Ihre Lieblingsmusik: Der rapide Rückschritt des vorgeblichen Fortschrittes wird mit und von jedem Ton dokumentiert. Und wer über entsprechende technische Vorbildung bzw. Kenntnisse verfügt, wird angesichts der Bauweise alter Geräte sofort begreifen, was Qualität und konstruktives Können bedeuten. Aber auch Nichttechnikern erschließt sich solches Anfassen und Hören genügt, da muß man nicht unbedingt wissen, was sich hinter Begriffen wie "gehonte Oberfläche", "hochpolierte Rautierung" und "hydraulische Stabilisierung" (als Beispiele) verbirgt. Wenn ich mir - wiederum als Beispiel - Lagerungen und Antriebe von heutigen Plattenspielern ansehe (so dankbar auch jeder dafür ist, daß überhaupt noch welche gebaut werden!), kann ich mich eines Stirnrunzelns nicht erwehren: Auch hier ist vieles vergessen worden, was vor mehr denn zwanzig, dreißig Jahren Stand der Technik war. Aus der Profitechnik: Der seit 1961 (Werksnummer 6060) grundkonstruktiv unverändert bis Mitte der achtziger Jahre gefertigte EMT 930 besitzt eine mit dem Hauptteller fest verbundene 130mm lange und 14mm durchmessende Achse, die in kinderfaustgroßen Sinterbronzelagern mit eingefrästen Ölkanälen horizontal zweifach geführt wird und auf einer Stahlkugel von 11 mm Durchmesser läuft ... gibt es heute noch Verg1eichbares?

Der Direktantrieb ist ebenfalls weitestgehend vergessen; unsachliche bis kenntnisfreie Mund-zu-Mund-Propaganda, Rotstift- Spar- konzeptionen und Hifianer, die anderen mehr glaubten als ihren eigenen Ohren, ließen die beste jemals erdachte Antriebs- konstruktion vom Markt verschwinden. Ketzerische Frage: Wer wäre denn heute noch in der Lage, einen Direktantrieb á la Denon DP-100, EMT 950 und 948, Kenwood L 07D, Onkyo PX-100, Sony PS-X9, Technics SP-10 Mk III, Victor TT-101 oder Yamaha GT 2000 zu bauen? (Reihenfolge alphabetisch und nicht wertend!)

Statt dessen versucht man sich in Modifikationen, Basen, Füßen, Tinkturen, Strings und Riemchen ... nun ja. Aber wir wissen doch heute viel mehr als früher! Glauben Sie wirklich? Nehmen wir die gerade erwähnten Basen und Gerätefüße: Großzahlig in den diversesten Varianten erhältlich, sollen sie die darauf postierten Gerätschaften zu ruhigerem, natürlicherem oder gar "richtigerem" Wiedergabeverhalten animieren. Gut gedacht, nett gemacht, aber ... schon 1980 präsentierte ein japanischer Konzern einen enorm stabil gebauten Vorverstärker mit schwingungsabsorbierenden Füßen und speziell resonanzarm konzipierten Platinen. Seinerzeit kamen zahlreiche Plattenspieler auf den Markt, deren Gehäuse mehr oder weniger das vorwegnahmen, was man heute mit Racks und Basen erreicht: optimierte Aufstellung, störabsorbierende Umgebung. Die Cotter-Base sei stellvertretend für viele genannt. "Only a dead turntable is a good turntable", so die zwar reichlich euphemistische, gleichwohl richtige Aussage eines amerikanischen Herstellers jener Tage.

Die Musikwiedergabe dem Original näher bringende Erkenntnisse und deren sachgerechte Umsetzung gibt es in der Hifi-Technik spätestens seit Mitte der Siebziger, es war (fast) alles schon mal da, wurde und wird vergessen und zuweilen re-erfunden. Wäre man nicht mit fliegenden Fahnen jedem neuen Mumpitz hinterhergelaufen, hätte dergestalt Bewährtes und Gutes nicht durch Reduziertes ersetzt, könnten sich altgediente Hifianer (wie ich, z.B.) beruhigt zurücklehnen und müßten nicht Augenzeuge der qualitativen Abwärtsspirale sein: Der Cassetten-Recorder verdrängte, da billiger und zudem leichter handhabbar, die Spulentonbandmaschine, deren klangliche Leistungsfähigkeit - besonders bei Studiomaschinen wie Studer A 80, Telefunken M 15 usw. - haushoch überlegen war und ist; der Cassetten-Recorder fiel der Mini-Disc zum Opfer, letztere dürfte gegen MP3 und Memory-Stick auf Dauer keine Chance haben - die klingen noch mal schlechter, erfreuen sich dessen ungeachtet aber steigender Beliebtheit (wo geht der Qualitätsanspruch der so genannten "großen Masse" hin?); der DAT-Recorder, das beste jemals vorgestellte Digitalsystem, erforderte höchstpräzise Mechanik, war "zu teuer" und wurde durch den CD-Recorder ersetzt, der seinerseits nun dem Hard-Disc-Recording weichen muß.

Stets ist es die preisgünstigere, grundsätzlich immer leistungs- fähigere Elektronik, welche faszinierende, gut bis vorzüglich klingende, bewährte Technik verdrängt. Es wird nicht mehr lange dauern, dann haben wir keine Alternative mehr. Und die alten Fachleute sterben aus - wer kann denn heute noch eine Tonbandmaschine einmessen ... falls es überhaupt noch Bandmaterial gibt (z. Zt. bestehen noch gewisse Liefermöglichkeiten, doch viele renommierte Bandchargen werden nicht mehr hergestellt- und wie sieht die Zukunft aus?). Als Hoffnungsträger fungiert derzeit die Vinylscheibe. Reissues erscheinen in beachtlicher Vielzahl, neue Anbieter kommen hinzu. Doch angesichts der Gesamtentwicklung und der Geschichte frage ich mich, wie lange Reissues noch von alten Original-Mastern gefertigt werden können, denn Tonbänder halten nicht ewig, unterliegen - auch elektromagnetischem - Verfall, was früher oder später unweigerlich Eingriffe erfordert: am analogen oder digitalen Mischpult ... und wohl irgendwann via Computer - und dann wird's kritisch... Ich könnte noch viele Fakten mehr aufzählen, beleuchten und bewerten, unterlasse es aber. Tatsache ist, daß ich die vorstehenden Gedankengänge redaktionsintern ausbreitete, was zur Renaissance eines Projektes im Hörerlebnis führte: Bereits in mehreren früheren Ausgaben stellten wir sporadisch und mehr zufallsweise klassische Produkte vor. Dies möchten wir künftig gezielter handhaben; in loser Folge werden wir Ihnen in der Rubrik "Klassiker der Hifi-Geschichte" Geräte präsentieren, die fürwahr Maßstäbe setzten, die heute so kaum noch oder gar nicht mehr machbar wären. Wir tun dies mit einem lachenden und einem weinenden Auge zugleich: Lachend, weil wir Zugriff auf alte, klassische Qualitätsprodukte fanden und finden; weinend, weil uns bei dieser Arbeit stets aufs Neue klar wird, was alles verloren gegangen ist und nie mehr wiederkommt ... möglicherweise wecken wir ja verstärktes Interesse und damit entsprechende Nachfrage ... und dann vielleicht...

Aber bitte - die Hörerlebnis-Redaktion ist kein Verband ewig Gestriger! Wir begrüßen jedwede neue Technologie, welche die Reproduktion ein Stück näher ans Original heranbringt - doch Zweifel seien erlaubt: Welche sollte das derzeit sein?

Text auf dieser Seite ©  Winfried Dunkel Chefredakteur v. 'Hörerlebnis'


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